Schmerzen an vielen Stellen des Körpers, dazu Erschöpfung, schlechter Schlaf und Konzentrationsprobleme – bei Fibromyalgie können ganz unterschiedliche Beschwerden zusammenkommen. Gleichzeitig gibt es keinen einzelnen Blutwert und keine Röntgenaufnahme, mit der sich das Fibromyalgie-Syndrom eindeutig nachweisen lässt.
Was steckt hinter der Erkrankung? Warum kann die Diagnose schwierig sein – und weshalb spielen Bewegung, Wissen über die Erkrankung und ein individuell abgestimmter Umgang mit den Beschwerden eine so wichtige Rolle?
Fibromyalgie ist mehr als Muskelschmerz
Der Begriff Fibromyalgie bedeutet wörtlich etwa «Muskelfaserschmerz». Das Krankheitsbild geht jedoch weit darüber hinaus. Im Zentrum stehen chronische, ausgedehnte Schmerzen in mehreren Körperregionen, die häufig von weiteren Beschwerden begleitet werden.
Besonders typisch sind neben den Schmerzen anhaltende Erschöpfung, nicht erholsamer Schlaf und Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme. Manche Betroffene beschreiben Letztere als «Fibro Fog» – das Gefühl, geistig weniger klar oder weniger konzentriert zu sein.
Ausgedehnte Schmerzen Schmerzen können in verschiedenen Körperregionen auftreten und in ihrer Stärke und Lokalisation schwanken.
Erschöpfung Viele Betroffene berichten über ausgeprägte körperliche und geistige Müdigkeit beziehungsweise Fatigue.
Schlaf & Konzentration Nicht erholsamer Schlaf sowie Schwierigkeiten mit Konzentration und Aufmerksamkeit gehören häufig zum Beschwerdebild.
Darüber hinaus können unter anderem Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Schwindel oder eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührung, Licht, Geräuschen und anderen Reizen vorkommen. Welche Beschwerden auftreten und wie stark sie ausgeprägt sind, unterscheidet sich von Person zu Person.
Wenn Schmerz anders verarbeitet wird
Die genaue Entstehung der Fibromyalgie ist bis heute nicht vollständig geklärt. Die Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Veränderungen der Schmerz- und Reizverarbeitung im Nervensystem. Dabei wird untersucht, weshalb Reize bei Betroffenen anders beziehungsweise stärker wahrgenommen werden können.
Vermutlich gibt es nicht den einen Auslöser. Diskutiert wird vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener biologischer und psychosozialer Faktoren. Auch eine familiäre beziehungsweise genetische Veranlagung wird untersucht.
Wichtig ist dabei: Fibromyalgie ist nicht mit einer klassischen entzündlichen Gelenk- oder Muskelerkrankung gleichzusetzen. Übliche Labor- oder bildgebende Untersuchungen liefern deshalb häufig keine Veränderungen, die die Stärke der Beschwerden erklären.
Was Fibromyalgie nicht ist
Gerade weil sich die Erkrankung nicht mit einem einzelnen Laborwert oder Röntgenbild nachweisen lässt, bestehen rund um Fibromyalgie noch immer Missverständnisse.
«Wenn Blutwerte und Röntgenbilder unauffällig sind, gibt es keine Erkrankung.»
Das trifft nicht zu. Für Fibromyalgie gibt es keinen einzelnen spezifischen Labor- oder Bildgebungsbefund. Die Diagnose stützt sich auf das typische Beschwerdebild und eine medizinische Beurteilung. Untersuchungen können gleichzeitig wichtig sein, um andere oder zusätzliche Erkrankungen zu erkennen.
«Fibromyalgie ist eine entzündliche Form von Rheuma.»
Fibromyalgie wird traditionell häufig im rheumatologischen Umfeld behandelt, ist aber keine klassische entzündlich-rheumatische Erkrankung. Entzündete oder strukturell geschädigte Gelenke erklären das typische Fibromyalgie-Syndrom nicht.
«Die Beschwerden sind nur psychisch.»
Nein. Fibromyalgie ist keine rein psychische Erkrankung. Psychische Belastungen können – wie bei anderen chronischen Schmerzerkrankungen – Beschwerden und den Umgang damit beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind.
«Wer Schmerzen hat, sollte sich möglichst wenig bewegen.»
Dauerhafte Schonung ist bei Fibromyalgie in der Regel nicht das Ziel. Angepasste körperliche Aktivität und Training gehören zu den wichtigen nicht medikamentösen Behandlungsansätzen. Entscheidend ist, Intensität und Umfang an die individuelle Belastbarkeit anzupassen.
Wie wird Fibromyalgie festgestellt?
Einen einzelnen Test, der Fibromyalgie eindeutig bestätigt, gibt es nicht. Für die Diagnose werden die Verteilung der Schmerzen und typische Begleitbeschwerden wie Erschöpfung, Schlaf- und Konzentrationsprobleme systematisch erfasst.
Dafür können standardisierte Kriterien und Fragebögen eingesetzt werden. Zu den international verwendeten Instrumenten gehören der Widespread Pain Index (WPI), der die Verteilung der Schmerzen erfasst, und die Symptom Severity Scale (SSS), mit der die Ausprägung wichtiger Begleitsymptome beurteilt wird.
Gleichzeitig gehören eine ausführliche Krankengeschichte und körperliche Untersuchung zur Abklärung. Je nach Beschwerden können auch Laboruntersuchungen oder weitere Untersuchungen sinnvoll sein, um andere Erkrankungen zu erkennen, die ähnliche Beschwerden verursachen können.
Keine reine Ausschlussdiagnose
Fibromyalgie wird heute nicht mehr ausschliesslich nach dem Prinzip diagnostiziert, dass zunächst jede andere Erkrankung ausgeschlossen sein muss. Andere Erkrankungen können gleichzeitig bestehen. Entscheidend ist deshalb eine sorgfältige medizinische Beurteilung des gesamten Beschwerdebildes.
Behandlung: Meist braucht es mehrere Bausteine
Es gibt nicht die eine Behandlung, die für alle Menschen mit Fibromyalgie gleich gut funktioniert. Die Therapie wird deshalb individuell an die Beschwerden, die persönliche Situation und die eigenen Ziele angepasst.
Eine wichtige Grundlage ist zunächst, die Erkrankung und den Umgang mit chronischen Schmerzen besser zu verstehen. Diese Aufklärung kann helfen, Beschwerden einzuordnen und gemeinsam mit Fachpersonen realistische Behandlungsziele festzulegen.
Zu den zentralen nicht medikamentösen Ansätzen gehört angepasste körperliche Aktivität. Regelmässiges Ausdauertraining kann ebenso eingesetzt werden wie Krafttraining oder Bewegung im Wasser. Wichtig ist ein Niveau, das zur individuellen Belastbarkeit passt und gegebenenfalls schrittweise aufgebaut wird.
Je nach Situation können auch psychologische Verfahren, insbesondere verhaltenstherapeutische Ansätze, sowie Entspannungs- und Stressbewältigungsverfahren Bestandteil der Behandlung sein. Dabei geht es nicht darum, die Beschwerden als «psychisch» zu erklären, sondern Strategien für den Umgang mit chronischen Schmerzen, Belastungen und deren Auswirkungen auf den Alltag zu entwickeln.
Medikamente können bei bestimmten Beschwerden ebenfalls eingesetzt werden. Welche Behandlung infrage kommt, muss individuell ärztlich entschieden werden. Eine medikamentöse Therapie ist dabei in der Regel nur ein möglicher Bestandteil eines umfassenderen Behandlungskonzepts.
Zwischen Aktivität und Erholung die eigene Balance finden
Fibromyalgie kann von Tag zu Tag unterschiedlich verlaufen. An guten Tagen möglichst alles nachholen zu wollen und danach längere Zeit erschöpft zu sein, kann den Alltag zusätzlich erschweren.
Beim sogenannten Pacing geht es darum, Aktivitäten und Erholungsphasen bewusster einzuteilen und die persönliche Belastbarkeit zu berücksichtigen. Das bedeutet nicht, Aktivität grundsätzlich zu vermeiden. Vielmehr soll ein möglichst nachhaltiger Umgang mit den verfügbaren Kräften gefunden werden.
Auch ein Symptom- oder Schmerztagebuch kann zeitweise hilfreich sein, um Zusammenhänge zwischen Aktivität, Schlaf, Belastungen und Beschwerden besser zu erkennen. Ziel ist nicht, jede Schwankung zu kontrollieren, sondern Muster sichtbar zu machen, die bei der individuellen Behandlung hilfreich sein können.
Wenn neue Beschwerden dazukommen
Eine bestehende Fibromyalgie bedeutet nicht, dass jedes neu auftretende Symptom automatisch darauf zurückzuführen ist. Auch Menschen mit Fibromyalgie können andere Erkrankungen entwickeln.
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Neue oder ungewöhnliche Beschwerden abklären lassen
Neu auftretende Gelenkschwellungen, Fieber, ungeklärter Gewichtsverlust, deutliche Muskelschwäche oder neue neurologische Beschwerden sollten nicht vorschnell der Fibromyalgie zugeschrieben, sondern medizinisch beurteilt werden.
Fazit
Fibromyalgie ist ein komplexes chronisches Schmerzsyndrom, bei dem neben ausgedehnten Schmerzen häufig Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme auftreten. Dass sich die Beschwerden nicht mit einem einzelnen Laborwert oder Röntgenbild erklären lassen, macht sie nicht weniger real.
Eine sorgfältige Diagnose, Wissen über die Erkrankung und ein individuell abgestimmtes Behandlungskonzept mit verschiedenen Bausteinen können dabei helfen, besser mit den Beschwerden umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.
Häufige Fragen zu Fibromyalgie
Ist Fibromyalgie eine rheumatische Erkrankung?
Fibromyalgie wird traditionell häufig im rheumatologischen Umfeld eingeordnet und behandelt, ist jedoch keine klassische entzündlich-rheumatische Erkrankung. Im Vordergrund stehen chronische Schmerzen und weitere Beschwerden wie Erschöpfung, Schlaf- und Konzentrationsprobleme.
Kann man Fibromyalgie im Blut feststellen?
Nein. Es gibt derzeit keinen spezifischen Blutwert, der Fibromyalgie eindeutig nachweist. Laboruntersuchungen können jedoch je nach Situation wichtig sein, um Hinweise auf andere Erkrankungen zu finden.
Ist Fibromyalgie eine psychische Erkrankung?
Nein. Fibromyalgie ist keine rein psychische Erkrankung. Psychische und soziale Faktoren können bei chronischen Schmerzen dennoch eine Rolle spielen und den Umgang mit den Beschwerden beeinflussen.
Ist Bewegung bei Fibromyalgie sinnvoll?
Angepasste körperliche Aktivität und Training gehören zu den wichtigen nicht medikamentösen Behandlungsansätzen. Art, Intensität und Umfang sollten an die individuelle Belastbarkeit angepasst und bei Bedarf mit medizinischen oder physiotherapeutischen Fachpersonen abgestimmt werden.
Ist Fibromyalgie heilbar?
Eine ursächliche Heilbehandlung steht derzeit nicht zur Verfügung. Verschiedene Behandlungsansätze können jedoch dazu beitragen, Beschwerden zu lindern, den Umgang mit der Erkrankung zu verbessern und die Lebensqualität zu unterstützen.
Können neben Fibromyalgie andere Erkrankungen bestehen?
Ja. Fibromyalgie kann gleichzeitig mit anderen Erkrankungen auftreten. Neue oder ungewöhnliche Beschwerden sollten deshalb nicht automatisch der Fibromyalgie zugeschrieben werden.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Diagnose, Beratung oder Behandlung. Fibromyalgie und andere chronische Schmerzsyndrome sollten medizinisch abgeklärt und individuell behandelt werden. Die Inhalte beziehen sich nicht auf Produkte von HAWLIK.